henning gralla - surrealpine malerei zeichnungen fotografie
Henning Gralla - Malerei - Zeichnungen - Surrealpin
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mein leben im licht

 

henning gralla

 

ich bin geboren am 1. märz 1965

in lüdenscheid in westfalen und
lebe in stephanskirchen bei rosenheim in oberbayern

 

 

 

 

 

sonne und neon

 

Die werkstatt meines großvaters ist ein kellerraum mit zwei fensterseiten. Die größeren fenster zeigen nach westen und ab dem nachmittag spitzen die ersten sonnenstrahlen hinein – wenn die sonne denn scheint in lüdenscheid. Diese mittelstadt im sauerland, in der ich aufwachse, nennen einheimische auch gerne 'regenscheid'. Und damit ist alles zum wetter dort gesagt. Auch wenn die sonne ab und zu den weg in die werkstatt findet, so verknüpfe ich mit dem begriff 'licht' eher die neonröhren unter der decke. Ich hatte genügend zeit, sie zu betrachten, wenn ich als kind modell saß. Ich war wie alle kinder ungeduldig und daher froh, wenn ich wieder 'entlassen' war. Heute freue ich mich über das ergebnis. Eine wunderbare darstellung meines kopfes in gips, matt-gold patiniert.

 

Mein großvater Wilhelm Jüngermann - finde ihn mit den suchmaschinen-stichworten: "pluspedia wilhelm jüngermann" - war 'mein opa'. Er lebte von 1900 bis 1977 und arbeitete als bildhauer, medailleur und graveur und unterrichtete nebenher in der berufsschule graveurklassen. Ich war 12, als er plötzlich starb. Es ging alles so schnell. Für mich zu schnell. Ich konnte es nicht fassen. Gestern noch haben wir uns eine gute nacht gewünscht. Heute in der früh kam er ins krankenhaus und dort nicht mehr lebend raus. 'Opa', das sind werkbänke aus massiver eiche, dreibein-hocker, bohr- und fräsmaschinen, geruch von schmierfetten, skulpturen, skizzen, zeichnungen, bilder, umgeben von bleistiften, tuschefedern, feilen und schnitzwerkzeugen. 'Opa' sind vor allem die etwas unbeholfenen, zittrig zärtlichen umarmungen voller zuneigung, die liebevollen anleitungen beim zeichnen und vor allem das 'gemeinsam in der werkstatt etwas tun'. Ich fühlte mich in der werkstatt mit ihm neben mir einfach wohl. 'Opa' sind aber auch die schläuche der letzten tage, die ihn für mich unkenntlich machten. Sein tod war für mich traurig und fern zugleich, der abschied am grab trist. Ich fand für meine trauer keinen ausdruck. Die nicht zu verarbeitende trauer veränderte mich schlagartig – und es war mir überhaupt nicht bewusst. Und damit musste ich, aber auch meine umwelt, die nächsten jahrzehnte klar kommen.

 

 

farbschichten

 

Fast vierzig jahre später mache ich bei Irma Mack in rosenheim eine ausbildung in kunsttherapie. Wir arbeiten mit der form des kreuzes und während einer übung kommt eine tief verborgene emotion an die oberfläche meines bewusstseins: trauer. Es ist, wie wenn du im farbeimer durch die haut einer angetrockneten farbe stichst. Durch das loch stößt du auf die noch flüssige farbe. Dieser moment hat etwas von erlösung: da ist ja noch farbe! Du kannst sie rauslassen und mit ihr arbeiten. Die angetrocknete farbschicht ist das sediment, sind die materialisierten, unterdrückten emotionen. Und darunter ist etwas tiefsitzendes, das ausgeblendet wird. Trotzdem ist es da - 'körpergedächtnis'. Starke emotionen, die im körper, in jeder seiner fasern materialisiert ist und die sich in den verschiedensten erkrankungen äußern kann. Je dicker diese schicht wird, umso größer ist die verhärtung. Und umso schwerer komme ich an die zurückliegenden gefühle. Nun dürfen sie aufsteigen und sich am licht der oberfläche auflösen. Ein prozess, der hartnäckige bewusstheit und zeit braucht – viel zeit: die alte situation nachempfinden, die trauer von damals nachholen. Eine erlösung.

 

 

werdung und wandlung

 

Ich wachse auf in einem geschützten umfeld. Ein großer garten, viele freunde, freiraum, um meine umgebung im meinem tempo zu erkunden. Die elterlichen einschränkungen habe ich oft schmerzlich empfunden, sind aus heutiger sicht jedoch vernachlässigbar. Das damals 'übliche programm' halt. Nicht vergleichbar mit dem, was junge menschen heute einengt und belastet. Die familiären beziehungen, in denen ich damals lebe, sind vor allem strukturiert und liebevoll. Das schützt mich nicht vor einer schmerzvollen trennungsphase, als ich bereits mitten im berufsleben stehe.

 

 

licht

 

Ein seltsames gesetz, dass grossen veränderungen im leben genau so grosse krisen vorhergehen müssen. Für mich war es wie ein urknall: ich kündige meine arbeitsstelle und beginne erst danach, mich für das neue zu öffnen. Von der arbeit an einer wunderbaren schule in rosenheim verspreche ich mir ein selbstbestimmtes leben, dass sich mit meiner kunst vereinbaren lässt. Genauso kommt es. Und ich habe den freiraum, entwicklung nachzuholen.

 

Nachdem 'mein opa' gestorben war, vergass ich ihn. Stattdessen gedachte mein körper seiner. Verhärtete und verborgene gefühle, unfähig, ans licht zu kommen. Heute sehe ich mich in der lage, die körperlichen symptome zu deuten. Auch meine damaligen bilder bewahren das andenken. Sie sind ausdruck der unfähigkeit zur trauer, der unerlösten seele. Die bilder dieser zeit bis zum jahr 2000 sprechen eine verschlüsselte und dennoch eindeutige sprache: dunkle, bedrückende szenarien, verpackt in unergründliche mehrdeutigkeit, morbide, manchmal erschreckend. Dieses spiel beherrschen meine damaligen vorbilder magritte und dalí jeder auf seine im eigene weise perfekt.

 

Im jahr 1999 malte ich ein bild von einer starken symbolkraft, die mir selbst erst sehr viel später deutlich wurde: 'Jener', ein schwarzer vorhang mit schmalem schlitz, durch den ein helles licht dringt. Her im bild bahnt sich das licht seinen weg. Und dann kommt im jahr 2000 ungewohnte farbigkeit in meine gemälde. Mit der serie 'transpulse' setze ich gezielt farben des gesamten spektrums ein und möchte damit – positive – mentale pro­zesse beim betrachter auslösen.

 

Im jahr 2001 folge ich dann meinen impulsen. Ich breche grundlegend mit meiner vergangenheit, befreie mich von vermeintlichen zwängen und gewinne energie für neues. Das eine ist die selbstbestimmte wahl unseres lebensraumes und meiner neuen aufgabe. Die besteht darin, inmitten einer wunderbaren landschaft nahe der berge zwischen simssee, inn und rosenheim in einer schule zu arbeiten. 'Energie für neues', das gilt vor allem auch für meine kunst. Neben dem malen widme ich mich dem zeichnen: Mit 'paris de travers' (2006), also 'paris verkehrt (herum)' entsteht eine serie von vier zeichnungen, in der ich den meditativen charakter von tusche und feder entdecke und mich in details verliebe. Energie habe ich nun auch für größere, vertikale, also aufrichtende formate: 'pulse verticale' (2007). Viel energie habe ich auch für die natur, für die berge. Ich wandere und radel und liege verträumt auf einsamen bergwiesen. Ganz folgerichtig halten die berge nun einzug in meine bildwelt und ich mache sie zu meinem markenzeichen: eine surrealistisch verfremdete alpine welt, surrealpin. Heiter-ironisch kommen 'a bissl rastn no...' (2002), 'house-berg' (2004) und 'samerberg-spectral' (2008) daher. Da ahne ich noch nichts von dem donnerschlag, der mich niederstreckt.

 

 

dunkel

 

2008 erfahre ich eine schwerwiegende erschütterung meines lebens. Dafür, dass ich die vergangenheit nicht verarbeitet habe, sondern mit ihr gebrochen habe, sie also nur verdrängt, immer tiefer verdrängt habe, zahle ich nun den preis. Das leben fordert von mir ein, dinge zu bearbeiten, von denen ich dachte, sie begraben zu können. „'Geh du vor', sagt die seele zum körper, 'auf mich hört er nicht.' 'Gut', sagt der körper zur seele, 'dann werde ich krank werden. So hat er wieder zeit für dich'". Diese worte des großartigen fotografen und schriftstellers Ulrich Schaffer - finde ihn mit den suchmaschinen-stichworten: "ulrich schaffer homepage" - zeigen mir den weg der heilung. Es entstehen zeichnungen wie die 'waldhaus-tags' (2009) und 'schlossberger miniaturen' (2010). Meine seele und mein körper heilen nach und nach.

 

 

was immer dem licht ausgesetzt wird ...

 

Auch hier wieder setzt die krise energien für neues frei: Im frühjahr 2010 lerne ich den schweizer holzschnitzer Marco Walli in fideris bei klosters kennen finde ihn mit den suchmaschinen-stichworten: "marco walli prättigau". Ich schätze seine wunderbare kunst sehr und ahme seine ornamentik nach. Ich finde mit 'house-musig' (2012) wieder zu meiner verspieltheit zurück und zünde ein weiteres mal ein feuerwerk von farben: Es entsteht der zweite teil meiner 'transpulse'-serie, nämlich 'repulse' (2012) und 'pulse trancendantale' (2015). In diesen jahren begebe ich mich zusammen mit meiner ehefrau Corinne auf eine ausgedehnte, stille reise. Wir lernen das glück kennen. Es ist eine so simple wie schwierige reise zu einer welt, so wie sie wirklich ist. Wir lernen eine form des stillwerdens, des lebens und betrachtens, in der wir uns seitdem beständig üben. Ich wünsche allen wesen, das sie glücklich sind.

 

Dieses innehalten hat auswirkungen auf meine bildwelt. Ich beginne, mich auf eine naive, kindliche art für den kosmos zu interessieren und versuche, unser universum – das innwendige und das auswendige – mit meinen mitteln darzustellen. Einen anfang macht 'ruheblau' (2015) und es folgen 'pulse trancendantale' (2015). Dazu kommt nun eine tiefgehende betrachtung des themas 'licht' im bild 'paulus vision' (2016) und gedanken zum thema 'wellen'. Es entsteht 'frequenz-B-G' (2016).

 

Derzeit lege ich wieder einen 'zwischenstopp' auf der erde ein: es entsteht gerade ein mit händen und füßen gemaltes bild ... lass mich gerad mal die finger waschen ...

 

henning gralla - surrealpine malerei zeichnungen fotografie
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